Die Figurentänze oder Figure Dances werden von mindestens zwei Tänzern, oft in Paaren oder Trios aus einem Tänzer und zwei Tänzerinnen, getanzt. Dabei geht es nicht so sehr um Steppschritte und Techniken, hier kommt es vielmehr darauf an, die Formation zu halten und Spaß am Tanz in der Gruppe zu haben.
Die einzelnen Abschnitte eines Figure Dances, in denen von der Gesamtheit der Tänzer bestimmte geometrische Muster getanzt werden, werden Bewegungen oder Movements genannt, größere Einheiten, die oft wiederum aus einzelnen Movements bestehen, heißen Figuren oder Figures. Einfachere Tänze bestehen nur aus wenigen Movements. Komplexere Tänze hingegen umfassen mehrere Figures, die durch ein immer wiederkehrendes Zwischenstück verknüpft sind. Oftmals folgen dabei verschiedene Figuren mit sehr unterschiedlichen Längen ohne Ordnungsprinzip aufeinander. Bei einigen Figure Dances hingegen wird die erste Figur, ähnlich wie bei Solo Dances, Lead Round genannt und stellt die Einleitung des Tanzes dar. Dem folgen mehrere, oft drei, Hauptfiguren, die dann First Figure, Second Figure und so weiter genannt werden, und als Abschluss meist ein Finish, das hier eine Figur darstellt und dem Lead Back der Solo Dances entspricht, also keine Verabschiedung darstellt, wie das gleichnamige Element der Solo Dances. Lead Round, Hauptfiguren und Finish werden jeweils durch den Body als immer wiederkehrendes Zwischenstück voneinander getrennt, das seinerseits aus mehreren Figuren bestehen kann. Während die Hauptfiguren überwiegend einfach sind, kann der Body recht komplex sein.
Technisch lassen sich die Figure Dances in Round Dances, Long Dances und verschiedene Tänze mit fester Tänzeranzahl einteilen. Die Round Dances, also Kreis- oder Rundtänze zeichnen sich dadurch aus, dass eine beliebige Anzahl von Paaren im Kreis stehend miteinander tanzt. Die Figuren werden entweder vom gesamten Kreis, oder von den männlichen und weiblichen Teilkreisen, oder von den einzelnen Paaren am Ort getanzt.
Die verschiedenen Long Dances lassen sich weiter in Long Line Dances, also lange Linientänze, Long Column Dances, also lange Gassentänze, und Progressive Long Dances, das sind Progressivtänze, unterteilen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass eine beliebige Anzahl von Paaren oder Sets aus zwei oder vier Paaren oder zwei Trios daran teilnehmen kann, wobei die Tänzer in speziellen Konfigurationen zusammen tanzen. Bei Long Line Dances stehen die Partner eines Paares gemeinsam in einer Reihe an einer Position. Bei Long Column Dances stehen die Partner der Paare jeweils in einer männlichen und einer weiblichen Teilreihe an einer Position. Progressive Long Dances sind entweder Linien- oder Gassentänze. Das Entscheidende ist hierbei, dass sich die Tänzer im Verlauf des Tanzes von Durchgang zu Durchgang durch alle Plätze in der Reihe permutieren.
Neben Tänzen für nur zwei oder drei Tänzer, den Two-Hand und Three-Hand Dances, gibt es unter den Figure Dances mit festliegender Tänzeranzahl auch Paartänze für zwei, drei, vier, fünf, sechs oder acht Paare, womit sich Four-Hand, Six-Hand, Eight-Hand, Ten-Hand, Twelve-Hand und Sixteen-Hand Dances ergeben. Prinzipiell sind auch noch andere Konfigurationen möglich. Einige dieser Tänze stellen ebenfalls Kreistänze oder Gassentänze dar, fallen aber wegen der festliegenden Anzahl von Paaren nicht in die Kategorien der Round Dances und Long Dances. Viele Eight-Hand Dances werden von vier Paaren im Quadrat getanzt und stellen damit faktisch eine einzelne Sektion eines Social Set Dances dar. Sie werden auch Square Dances genannt.
Traditional Figure Dances oder Céilí Dances sind Gesellschaftstänze, die auf Tanzveranstaltungen, aber auch bei Wettbewerben getanzt werden. Nur 30 der historisch überlieferten Traditional Figure Dances werden offiziell anerkannt und sind zu Céilí-Wettbewerben von An Coimisiún zugelassen. Diese "wahren" Céilí Dances sind bei allen wesentlichen Tanzorganisationen gleich, auch wenn sie teilweise ihre eigenen LehrbüLcher als Quelle verwenden. Bei An Coimisiún wird die Nachauflage "Ár Rince Fóirne", "Unser Volkstanz" des Originals verwendet, in dem diese 30 Tänze erstmals als Sammlung in dieser Zusammenstellung und Form veröffentlicht wurden. Diese offiziellen Céilí Dances werden meist als traditionell bezeichnet, sind jedoch keineswegs völlig originalgetreue Überlieferungen. Viele von ihnen stellen vielmehr neuzeitliche Choreografien dar, die unter Verwendung weniger erhaltener Rudimente eigentlich verlorenen ursprünglichen Country Dances nachempfunden wurden. Die anderen sind zumindest standardisierte und choreografisch überarbeitete Fassungen von in einigen irischen Landesteilen ehemals traditionellen Originalen. Ähnlich wie bei den Traditional Set Dances ist es auch bei den offiziellen Céilí Dances so, dass An Coimisiún die historischen Fakten durchaus kennt und nicht explizit leugnet, aber die Legende von der historischen Authentizität trotzdem pflegt, mit dem Erfolg, dass wiederum selbst den meisten Tanzlehrern die wahre Herkunft dieser Tänze nicht bekannt ist.
Die Country Dances, die die Vorläufer der heutigen Céilí Dances darstellen, wurden ursprünglich auf Tanzfesten als Volkstänze getanzt. Das trifft auf die heute getanzte Form der Céilí Dances nur noch sehr bedingt zu, die meisten von ihnen sind inzwischen fast ausschließlich nur noch bei Tanzwettbewerben zu finden. Nur im Norden Irlands werden sie tatsächlich noch auf den Céilíthe getanzt, weil es dort als Frage der politisch-nationalen Identität angesehen wird, ob man die als "rein irisch" geltenden Céilí Dances oder die von irischen Nationalisten als importiert abgelehnten Social Set Dances tanzt. Im Rest der irischen Tanzwelt stellen die meisten Céilí Dances hingegen eher eine von An Coimisiún vorgeschriebene Pflicht dar. Bei den offiziellen Céilí Dances handelt es sich im Einzelnen um folgende Tänze, wobei jeweils die Namen in Englisch und Irisch, sowie in Klammern die Anzahl der Tänzer angegeben sind.
Round Dances:
Big Dance - Rince Mór (beliebig viele Paare)
Bonfire Dance - Rince Mór na Tiné (beliebig viele Paare)
Progressive Long (Column) Dances:
Long Dance - Rince Fáda (beliebig viele Paare)
Haste to the Wedding - Deifir na Bainise (beliebig viele Paare)
The Waves of Tory - Tonnaí Thoraige (beliebig viele Sets aus 2 Paaren)
Progressive Long Dances:
Antrim Reel - Cor Aontroma (beliebig viele Paare)
Fairy Reel - Cor na Sióg (beliebig viele Sets aus 2 Trios)
Harvest-Time Jig - Port an Fhómhair (beliebig viele Sets aus 2 Trios)
The Rakes of Mallow - Réicí Mhala (beliebig viele Sets aus 2 Trios)
The Siege of Carrick - Briseadh na Carraige (beliebig viele Sets aus 2 Paaren)
The Siege of Ennis - Ionsaí na hInse (beliebig viele Sets aus 4 Paaren)
The Walls of Limerick - Ballái Luimní (beliebig viele Sets aus 2 Paaren)
Long Column Dances:
The Bridge of Athlone - Droichead Atha Luain (beliebig viele Paare)
The Gates of Derry - Geatai Dhoire (beliebig viele Sets aus 2 Paaren)
Four-Hand Dances:
Four-Hand Reel - Cor Ceathrair (2 Paare)
The Humours of Bandon - Pléaráca na Banndan (2 Paare)
Six-Hand (Column) Dance:
Glencar Reel - Cor Gleann Cearr (3 Paare)
Six-Hand (Round) Dance:
Duke Reel - Cor an Diúic (3 Paare)
Eight-Hand Dances:
A Trip to the Cottage - Turas ún Toighe (4 Paare)
Cross Reel - Cor Casta (4 Paare)
Eight-Hand Jig - Port Ochtair (4 Paare)
Eight-Hand Reel - Cor Ochthair (4 Paare)
Morris Reel - Cor Muirgheis (4 Paare)
St. Patrick's Day - Lá Fhéile Pádraig (4 Paare)
The High Caul Cap - Cadhp na Chúil Aird (4 Paare)
The Sweets of May - Aoibhneas na Bealtaine (4 Paare)
The Three Tunes - Na Tri Foinn (4 Paare)
Ten-Hand (Column) Dance:
Haymakers Jig - Baint an Fhéir (5 Paare)
Twelve-Hand (Round) Dance:
Lannigan's Ball - Bainéis Uí Lonigáin (6 Paare)
Sixteen-Hand Dance:
Sixteen-Hand Reel - Cor Sé Dhuiné Dhé (8 Paare)
Außer den 30 offiziellen Céilí Dances gibt es noch eine Reihe weiterer traditioneller Gesellschaftstänze, die auf die gleiche Tradition der Country Dances zurück gehen, wie die offiziellen Céilí Dances. Diese Tänze gelten einigen Traditionalisten aber als nicht rein irisch genug, so dass ihnen die offizielle Anerkennung oftmals versagt bleibt, obwohl sie zum größten Teil authetischer sind als die offiziellen Céilí Dances. Viele Tanzlehrer kennen nur die im offiziellen Buch beschriebenen Tänze und interessieren sich auch nicht für mehr. Diese Missachtung durch die organisierte Tanzbewegung ist auch der Grund dafür, wieso nur noch wenige dieser Traditional Céilí Dances lebendig oder auch nur bekannt sind. In Publikationen und privaten Aufzeichnungen werden etwa einhundert traditionelle Céilí Dances beschrieben. Das reicht von heute noch bekannteren Tänzen wie "The Stack of Barley" bis zu Tänzen, die nur schwer aus den Aufzeichnungen reproduzierbar sind, wie "The Aglaish".
Die meisten Céilí Dances sind rhythmisch Double Reels und Double Jigs, es gibt aber auch Single Jigs, Hornpipes und Märsche. Eine Reihe von Céilí Dances tragen Namen von Tanzmelodien. Die meisten können und werden jedoch auch zu beliebigen anderen Melodien mit passendem Rhythmus getanzt, insofern sie der irischen Standardphrasierung aus acht oder 16 Takten entsprechen. Die Schritte selbst sind nicht übermäßig kompliziert, meist einfache Threes und Sevens, so dass eigentlich jeder mitmachen kann - und genau das ist auch der eigentliche Sinn der Sache. Céilí Dances werden als Gesellschaftstänze in normalen Schuhen relativ niedrig auf dem Ballen getanzt. Als Auftrittstänze werden sie wie Light Dances hoch auf dem Ballen und in Light Shoes getanzt.
Die Open Figure Dances sind im Gegensatz zu den Traditional Figure Dances frei choreografiert. Open Two-Hand bis Four-Hand Dances stellen im Grunde Step Dances dar, die von mehreren Personen als Formationstänze getanzt werden, wobei zusätzlich zu den bei Solo Step Dances üblichen Motionen noch Lokomotionen und Fassungen hinzu kommen, so dass die Tänzer ein Gruppenbild darstellen. Rhythmus, Stuktur und Technik solcher Figure Dances entsprechen dabei denen von Solo Dances. Open Figure Dances mit einer größeren Anzahl von Tänzern ähneln eher den Traditional Figure Dances, wobei ein Tanz aber durchaus unterschiedliche Figurentypen mischen oder die klassischen Figurentanzformen ganz durchbrechen kann.
Die verwendeten Kombinationen können relativ anspruchsvoll und abwechslungsreich sein. Das Entscheidende sind jedoch die dargestellten Figuren oder Figures. Diese orientieren sich an den typisch irischen Knotenmustern, wie sie im "Book of Kells" und in anderen historischen Büchern, sowie auf alten keltischen Kreuzen, Tara-Broschen und anderen antiken Quellen zu finden sind. Solche teilweise sehr filigranen und komplexen Muster als Gruppe exakt tänzerisch nachzuzeichnen, ist das Ziel der Choreografie der Figure Dances. Dabei kommt den Fassungen mit teilweise artistischen Wechseln der verknoteten Armhaltungen eine besondere Bedeutung zu und trägt viel zur Wirkung eines Open Figure Dance bei. Dementsprechend sind die Open Figure Dances die anspruchsvollsten der Gruppentänze. Sie sind wie die Solo Dances zum Vorführen und Zuschauen gedacht, stellen also keine Gesellschaftstänze dar.
Oftmals werden Open Figure Dances unter teilweiser Verwendung bekannter Figuren im Stile der traditionellen Céilí Dances choreografiert. Gelegentlich finden sich diese Tänze als Teil von Bühnenshows, womit dann bereits der Bogen zu den Stage Dances gespannt wird. Prinzipiell lassen sich alle in traditionellen Céilí Dances und auch die in Social Set Dances vorkommenden Figuren, insofern sie von der Aufstellung der Tänzer her technisch aneinander passen, beliebig neu kombinieren und mit neuen, interessanten Figurenideen verknüpfen. Neben den Tanzshows, die auf diese Art die dafür ungeeigneten traditionellen Céilí Dances für die Showbühne adaptieren, sind es vor allem Freizeittänzer aus der Szene des Set Dancing, die ihren Tanzspaß auf diese Weise auf neue Betätigungsfelder ausdehnen und die künstlich getrennten irischen Tanzarten so wieder einander näher bringen.
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Letzte Änderung: 1. Januar 2007 - © Kunst des Denkens 2003-2007
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